Die Schwangerschaftsklugscheißer

Die Schwangerschaftsklugscheißer

Ja, ich wurde gewarnt. Man hat es mir gesagt. Und trotzdem bin ich nahezu täglich irritiert/geschockt/überrascht/verwundert/amüsiert über all die Kommentare, die ich mir anhören darf, seit ich schwanger bin. Denn die lassen vermuten, dass ich mit der Kenntnis über meine Schwangerschaft nicht nur meinen klaren Menschenverstand, sondern eigentlich jedweden Funken Hirn verloren haben muss. Anders lässt es sich kaum erklären, dass mir wildfremde Menschen Tipps zum Atmen und Existieren geben. 

Freilich, zu Beginn der ersten Schwangerschaft ist man unsicher. Man liest viel, googelt sämtlichen, eigentlich völlig einleuchtenden Alltagskram und fühlt sich schon mal etwas hilflos inmitten all der auf einen einpeitschenden Informationen. Ich musste direkt über mich selbst lachen, als ich die Frage “Darf ich jetzt noch auf dem Bauch liegen” in das Suchfeld eingab (ach, und ja, darf ich.)

Neben der selbstständigen Google-Recherche zu sämtlichen schwangerschaftlichen Wehwehchen und der Lektüre ziemlich vieler weichgespülter, mit imaginären Herzchen umrandeter und auf Wölkchen gebetteter Artikel in Säuselsprache trat nun ein weiteres, völlig überflüssiges Phänomen in mein Leben:

die Schwangerschaftsklugscheißer.

Mit finster orakelnder Miene und beschwörend zusammengezogenen Augenbrauen durfte ich mir plötzlich von einem muffelig vor sich hin alternden Kollegen auf einer Pressekonferenz folgenden Satz anhören, als ich mir ein Glas Apfelschorle einschenkte: “Willst Du wirklich diese Apfelschorle trinken??? Mit Kohlensäure musst Du aufpassen – das irritiert Dein Baby!”. Sprach er, der kinderlose Trenchcoat-Grusel, mit erhobenem Zeigefinger und diesem Gesichtsausdruck, den man sonst nur von Beerdigungen kennt. Dann flogen mir solch wunderbare Begriffe wie “Sodbrennen!” und “Durchfall!” um die Ohren – und das noch vor 10 Uhr morgens und bevor ich an der Todes-Apfelschorle auch nur nippen konnte.

“Ich habe schon soooooo viele Geburten gesehen – weißt Du, wie die das bei einem Kaiserschnitt machen?” Bevor ich auch nur zu einer Antwort und einem “Ja!” (man möchte es nicht glaube, dass ich das inzwischen, in der 21. Schwangerschaftswoche, tatsächlich weiß) ansetzen kann, beschreibt er mir mit Galileo-artiger Erklärstimme, wie Ärzte und OP-Team den Bauch in einer Art Horrorfilm-Massaker-Szenerie aufreißen und mich quasi bei lebendigem Leibe zerfetzen. Blut spritzt, ich liege da “wie ein geschlachtetes Reh” (O-Ton!!!) und man räumt mir das arme Kind, das durch eben jene Szene für sein ganzes Leben auf ewig geschädigt sein wird, aus meinem schlabberigen Leibe. Danke dann auch für diese plastische Schilderung. Du kinderloser Vollpfosten.

schwangerschaftsklugscheisser“Wenn es ein Kaiserschnitt wird, geht Dein Mann dann mit rein in den OP?” (Ja, neeeee, der geht derweil ne Runde Maultrommel in seinem Herrenclub spielen und hat sich außerdem für den Geburtszeitraum schon zur Fingerhackl-Weltmeisterschaft in China angemeldet.) “Ha! Den wird es umhauen. Die fallen alle um! Da darfst Du dann nicht erschrecken!” Danke für die Warnung, was würde ich nur ohne diese Information tun. Erschrecken womöglich.

“Trink nicht so viel Spezi, sonst wird Dein Kind Diabetiker!” sprach ein weiterer männlicher Zeitgenosse und wähnte mich im gleichen Atemzuge außerdem mit fast 1000-prozentiger Sicherheit in der Schwangerschaftsfettleibigkeit. “Bestimmt nimmst Du extrem viel zu; das merkt man gleich, dass Du jemand bist, der in der Schwangerschaft brutal dick wird. Im Sommere bist du bestimmt eine richtig fette Matrone.” Äh, ja. Da bleibt einem schon mal das Stück Schokolade im Halse stecken, das man dann mit einem immens großen Schluck Cola versucht, hinunter zu spülen.

Mit der Cola übrigens, die, in kleinsten Mengen verzehrt, ein hyperaktives Monsterkind in mir heranwachsen lässt, dass bereits mit Erblicken des Lichts der Welt nicht nur mich, sondern das ganze Universum in Grund und Boden nerven wird. “Willst du das? Willst du das wirklich??? Cola trinken??”

Aus dem Biergarten poste ich ein Bild von – jetzt haltet euch fest, was ich unbelehrbare Rabenmutter mit doch tatsächlich bestellt habe – meiner Cola. “Hey, ab und zu ist das vielleicht ok, aber das viele Phosphat in der Cola kann erhebliche Schäden beim Kind hervorrufen!” Alles klar. “Das merkt man nicht gleich, sondern erst viel später. Da werden die Schäden dann sichtbar! Bei einer Freundin war das auch so.”

“Aufpassen mit rohen Zwiebeln! Die verursachen durch ihre ätherischen Öle vorzeitige Wehen! Die darfst Du nicht mehr essen!” Genauso wie so ziemlich ALLES andere. Fragt man 10 Personen (halt, stopp, nein, man fragt sie ja nicht, sie sagen es Dir ja ungefragt), krepiere entweder ich, mein Kind oder wahlweise auch mein Partner (Hauptsache irgendeiner) an Wurst, Käse, Limo oder Putzmittel.
Apropos Putzmittel: “Wie machen Sie denn jetzt bei sich daheim sauber? Da gibt es ja eine tolle Webseite, die beschreibt, wie man sich Putzmittel aus unbedenklichen Lebensmitteln selbst anrühren kann. Alles andere sollte nämlich tabu für Sie sein – die Chemikalien nehmen Sie bereits durch die Haut an Ihren Händen auf – und die gehen ungefiltert direkt in Ihr Kind über!” warnt eine völlig Fremde im Supermarkt, und fügt dann flüsternd und mit weit aufgerissenen Augen hinter vorgehaltener Hand hinzu: “Das sollten Sie nicht googeln, ich habe da schon schreckliche Fotos von Neugeborenen gesehen, die völlig entstellt waren.” Dann klopft sie mir aufmunternd und mit plötzlich wieder ganz fröhlicher Quietschestimme auf die Schulter und wünscht mir eine ganz tolle und fröhliche Schwangerschaft. Ich hab den Kloreiniger dann übrigens trotzdem gekauft.

“Sag mal, willst Du denn stillen?”, werde ich im Hausflur von einem Herren gefragt. “Weil … WIR (in der Mehrzahl!!!) haben ja nicht gestillt, weil das den Busen so ruiniert.” Ich will mir seinen vom Stillen ruinierten Busen gar nicht erst vorstellen und verkrümle mich.

“DAS HIER”, tönt es über den Gartenzaun, in den Händen ein kleiner Karton, präsentiert wie eine Weltneuheit, die bisher noch kein Mensch je je jemals gesehen hat, “braucht ihr unbedingt!” Es ist eine Kindersicherung für Steckdosen, und ja, ich habe mir so etwas sogar schon zugelegt. “Das ist eine Kindersicherung für Steckdosen.” Ach ne. “Die Kinder langen da nämlich einfach rein. Da ist sowas wirklich total praktisch.” Wir bekommen dieses Wunderding, diesen ultimativen Lebensretter, den wir uns niemals im Leben selbst besorgt und lieber unserem Kind beim allabendlichen Rösten an der Steckdose zugesehen hätten, geschenkt. Engel singen im Chor, und ich bin wieder um eine bereichernde Information schlauer.

“Freu Dich schon mal auf das Sodbrennen!” bekomme ich hingegen von anderen Frauen zu hören, fast schon mit einer diabolischen Freude. “Ich hatte das nämlich ganz schlimm, und davon wirst Du auch nicht verschont bleiben.”

“Dein Mann wird dich noch verfluchen und ins Wohnzimmer auswandern zum Schlafen. Du wirst schrecklich schnarchen!”, prophezeit mir ein Anderer und patscht mir ohne zu fragen auf den Bauch. Bäh! Fremde Hände haben nichts auf meinem Bauch verloren! Oder wie würden diese Personen reagieren, wenn ich ungefragt in ihre Privatsphäre eindringen und sie einfach angriffeln würde?!

Und dann gibt es da noch die, die genau wissen, wie gerne ich mal ein Glas Wein trinke – und mich jedes mal anrufen, wenn sie eben genau das tun. Und es mir reinreiben. “Weißt Du, was wir jetzt machen? Wir gehen jetzt in den Biergarten. Da schlürfen wir ein leckeres, kaltes Bier. Und später gibt es noch Wein. Oder einen Cocktail. Aber darfst Du ja leider nicht mehr…. Schade, schade, schade.”
… a Packl Watschn is glei aufg’rissn! Wobei… das Aufreißen wäre bestimmt viel zu anstrengend für mich als werdende Mutter; da müsste man womöglich gleich das Jugendamt drauf aufmerksam machen! 😉

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