How to rock gscheid, ordentlich und standesgemäß

How to rock gscheid, ordentlich und standesgemäß

Jun 2, 2015

Am Wochenende vom 29.05. bis 31.05.15 fand im Münchner Olympiapark das Rock-Festival "Rockavaria" statt. Die Headliner waren MUSE, KISS und Metallica. Natürlich war ich auch am Start – zugegeben, in erster Linie wegen einer meiner absoluten Lieblingsbands MUSE, aber auch, um mich unter dem wilden Rocker-Volk ein wenig umzusehen. Mein Fazit: ein nettes Festl, das gerne wiederholt werden darf.

Da muss ich also erst ein nahezu salomonisches Alter erreichen, um endlich das erste Festival meines Lebens zu erleben – dementsprechend waren meine Erwartungen an das Rockavaria-Festival im Olympiapark: ich hatte keine, weil ich keine Vergleichsmöglichkeiten hatte. Eines aber schon mal vorweg: Berge aus Betrunkenen, die das Festival-Personal in ein Eck gekehrt hat, gab es nicht; ich habe auch keine Drogen-Toten, keine üblen Raufereien und noch nicht mal irgendjemanden kotzen gesehen. Was die Freude natürlich keineswegs trübt (auch wenn man bei einem Festival in erster Linie an barbusige Frauen auf irgendwelchen Schultern, üble Kiffer und Horden von Raufbolden denkt).

Dafür gab es aber jede Menge Geschrei. JEDE MENGE davon. Bei manchen Vorführungen hätte man genauso gut für zwei Stunden in der Neugeborenen-Station eines Krankenhauses campieren können – man hätte den gleichen Effekt gehabt: Menschen, die wild zappeln, kreischen und schreien. Manch einer hat dermaßen aus dem letzten Loch gekreischt, dass man ihn nur zu gerne mal auf den Arm genommen hätte, damit er endlich sein Verdauungsbäuerchen machen kann. 
Natürlich muss ich dazu sagen, dass ich noch nie ein Freund des richtig harten Heavy Metals oder Hard Rocks war. Ein wenig Geschrei, ein wenig Getrommel und ein wenig Gitarrengeschrammel reichen mir vollkommen zu meinem Glück; da brauche ich eben keine Horde Schreikinder, nach deren Auftritt man sich fühlt, als hätte man sich gerade für zwei Stunden freiwillig in ein Kriegsgebiet begeben. Aber glücklicherweise sind die Geschmäcker ja verschieden, und so hatten viele langhaarige, lederbejackte, nietentragende Menschen ungehörig viel Spaß beim Hüpfen, Tanzen und Brüllen. Und ich habe VIEL gelernt.

Ultimative Checkliste zur Teilnahme an Rockkonzerten:

  • Hüpfen.
    (Bitte nicht einfach nur ein schwächliches Auf- und Ab-Hopsen! Nein. Standesgemäß sollte man mit aller Power und aller Energie, die man aus der letzten Faser seines Körpers hervorholen kann, aus der Kniebeuge heraus nach oben schießen, um dann unkontrolliert durch die Luft zu fliegen und irgendwie wieder aufzukommen; egal, ob auf dem Boden, auf einer Bierflasche oder einem Menschen. Der geübte Rock-Hopser landet übrigens nie auf der Abflugstelle, sondern immer irgendwo anders, so dass kein Herumstehender kalkulieren kann, wo der Hüpfer demnächst aufschlagen könnte. Dies gelingt besonders gut in der breitbeinigen Sprunghaltung und mit einer leicht schrägen Absprungrichtung. Danach geht es sofort wieder zurück in die Hock-Haltung, um erneut katapultartig gen Himmel zu hopsen. Dies bitte zwei Stunden lang wiederholen)
  • Brüllen.
    (Auch hier verrät man sich mit einem leise herausgestoßenen Kreischschrei als Rocker-Neuling. Wichtig beim Brüllen ist es vor allem, den Mund so weit aufzureißen, dass sowohl das Gegenüber als auch der auf der Bühne auftretende, 400 Meter weit entfernte Künstler das Zapferl im Hals schlackern sehen kann. Zudem sollte jeder Zahnarzt in der Lage sein, beim Anblick des Brüllers eine Ferndiagnose stellen zu können.
    Soundtechnisch sollte sich das Brüllen problemlos in die Kategorie "Urschrei" eingliedern lassen. Besonders viel Anerkennung erhält ein Schrei, wenn er sich nach einem fiesen Rülpser tief aus der Bauchgegend heraus anhört (oder wahlweise einer ist). Beliebt ist auch der Schrei Marke "Lungaharing", bei dem man unter lautem Stöhnen das Heraufwürgen eines Lungenherings simuliert. Die Lautstärke eines Rock-Schreies sollte sich immer dort aufhalten, wo es in der Kehle weh tut. Ist ein Muss. Wenn der Kehlkopf weh tut, einen Purzelbaum macht oder kurzzeitig herausfliegt, hat man alles richtig gemacht.)
  • Gestikulieren.
    (Grundhaltung: nach oben und gleichzeitig vorne gestreckte Arme – so ähnlich wie Superman, wenn er losfliegt. Aus der Grundhaltung heraus kann man nun viele verschiedene Handhaltungs-Variationen formieren. Besonders beliebt ist die in die Höhe gereckte Faust, die meist nur einseitig zum Einsatz kommt (und meist mit einem Urschrei verbunden ist). Diese geballte Faust prügelt man nun im Takt (oder auch nicht) in die Lüfte – immer möglichst knapp über die Schädeldecke oder am Ohr des Vordermannes vorbei. Nach Aufforderung des Künstlers durch beispielsweise ein schnelles "Hey hey hey" können auch beide Fäuste gleichzeitig zu jedem "Hey" nach vorne geworfen werden. Klingt schwierig, ist es aber gar nicht: zur Not einfach beim Nebenmann abschauen; die machen das da alle so.
    Eine weitere Variante ist das fiese Rocker-Zeichen, bei dem man die Faust ballt und dabei Zeige- und kleinen Finger nach oben reckt. Passt immer. Geht auch als Gruß, wenn man auf die Toilette geht, beim Verabschieden am Bier-Stand und wenn man grade einfach nicht weiß, wohin mit seinen Händen. Und ist halt cool.)
  • Singen.
    (siehe Brüllen)
  • Brutal cool aussehen.
    (Ultra-wichtig ist ein möglichst breitflächig tätowierter Körper, schließlich muss man sich irgendwann während des Konzertes ja entblößen (egal, ob Mann oder Frau). Bitte hier auf die Tattoo-Motive achten – es geht nicht nur um VIELE Tattoos, sondern auch darum, WELCHE man hat: "Hello Kitty" oder ein lustiger Affe der Hula tanzt, sind nicht so cool. Stattdessen bitte Totenköpfe, Grabsteine, verhunakelte Kreuze, Fratzen oder germanische Schriften. 
    Klamotten aus Leder sind Voraussetzung. Bitte mit Nieten. Bitte auch immer zu eng; möglichst zwei bis drei Kleidergrößen kleiner. Das sorgt für die besonders coole Körperhaltung und das breitbeinige Gehen.
    Und globiger Schmuck! Riesige Ringe an den Händen oder in den Ohrwaschln, grobgliedrige Ketten und wuchtige Armbändern kommen nie aus der Mode. Wahlweise könnte man sich auch eine Felge umhängen (oder ins Ohrläppchen einbauen).
  • Headbangen.
    (Getanzt wird auf einem Heavy Metal-Konzert nicht (außer man ist eine Frau mit einem viel zu kleinen Shirt, blondierten Haaren und und einem angeborenen Duckface: dann bitte zu jedem Heavy Metal-Song tanzen als wäre man auf einem Mariah Carey-Konzert. Spricht die Urinstinkte der Urschreier an.) Statt diverser Tanzeinlagen geziemt es sich auf einem Metal-Konzert, den Kopf derart durch die Gegend zu schleudern, dass man das eigene Hirn links und rechts an die Schädeldecke krachen hören kann. Richtig Spaß hatte man nur, wenn man hinterher mindestens EIN Schleudertrauma hat. Headbangen geht übrigens besonders gut mit langen Haaren – wer im Takt headbangt läuft übrigens kaum Gefahr, sich mit anderen Langhaarigen zu verfransen, weil die Strähnen ja immer alle in die gleiche Richtung fliegen. Aber auch Glatzenträgern ist es durchaus erlaubt, mitzumachen. Sieht halt nur nicht ganz so fetzig aus.)
  • Bier in der Hand haben
    (Eh klar. 
    Und wer irgendwann beim Gestikulieren mitmachen will, muss sein Bier halt schnell austrinken oder den Becher samt Inhalt einfach *hihihi* nach vorne werfen.
    Bitte nach Konzertschluss SOFORT daran denken, ein neues Bier zu holen, um es in der Hand halten zu können.)

Bestimmt habe ich noch einige wichtige Grundregeln vergessen – wem also noch etwas einfällt, kann gerne unter dem Artikel kommentieren! Ich freue mich, wenn ich mein Rock-Verhalten weiter aufpolieren kann.

PS an alle Rocker: nix für unguad – diese Klischee-Watschn musste einfach sein 😉 Ich hatte jede Menge Spaß, ein tolles Wochenende und habe in der Tat selten ein so nettes und friedliches Publikum erlebt. Darum bin ich gern wieder dabei und werde auch weiterhin fleißig mitmachen (und es ist ja auch nicht so, als wäre ICH jetzt der optisch angepassteste Typ *lach*)! Rock on!

Meine Rockavaria Highlights: