Jul 24, 2010
Meine Schwester heiratet.
Was also jetzt anstand, war dieser jene eine Tag, der jede Frau nicht nur in einen willenlos-sabbernden Einzeller verwandelt, sondern sie im Laden zu einem peinlich quietschenden, verklärt strahlenden Wattebausch aus Tüll, Seide, Glitzersteinchen und Pailletten macht.
Wir waren Brautkleider anschauen. Brautkleider anprobieren. Brautkleider nicht mehr ausziehen wollen. Und Brautkleider total liebhaben. Wir haben uns umarmt, uns funkelnde Haben-Will-Blicke zugeworfen und an jeder Stickerei, jeder Spitze und jeder Applikation mit schweißig-aufgeregten Händen herumgefingert wie ich an einem Stück Traubenzucker, wenn ich Unterzucker habe.
Herzlich Willkommen in der Surrealität eines Brautmodengeschäftes.
Meine Schwester hatte wohlweißlich zuvor einen Termin vereinbart – es war also eine Verkäuferin auf uns abgerichtet, die nur dafür zu sorgen hatte, dass meine Schwester von ihrem romantischen, von Seifenblasen-Herzchen gesäumten Sissi-Kleid-Trip nie wieder herunterkommen sollte. Gesichert wurde dieser stundenlange Reifrock-Trip zudem durch regelmäßiges Herumreichen von Gummibärchen. Man wollte uns nicht nur süchtig machen, nein, man wollte es uns einlullen. Uns ein wohlig-kuscheliges Gefühl inmitten dieser Tüllmassen verpassen, das sonst nur ein Baby in der Fruchtblase verspürt. Wunschlos glücklich, wunschlos geborgen, wunschlos wunschlos. Ich schob ein Gummibärchen in den Mund. Mich hatten sie.
Bereits vor dem Laden war unsere Aufregung kaum mehr zu bändigen gewesen, wir hatten uns aus lauter Vorfreude fast in die Hosen gemacht und bereits vor Betreten des Ladens dieses stimmungsvolle Grinsen aufgesetzt, das Frauen in der Light-Version im Gesicht hängt, wenn sie Shoppen gehen dürfen. Als wir den Laden betreten hatten, war unser Lächeln HARD-Version.
Denn schließlich waren wir nicht einfach nur Shoppen, NEIN, wir befanden uns in dem mit weißen Kleider vollgehängten Traum jeder Frau, bei dessen Betreten sämtliche Synapsen durchbrennen. Es ist, als würde man am Eingang sein Gehirn abgeben.
Stopp! Eintritt nur ohne Gehirn!
Was wir natürlich brav gemacht haben. Drinnen roch es nach einer Mischung aus verbranntem Gehirn, Freudenschweiß und Neuwaren-Geruch. Die Verkäuferin zog ein Kleid von der Stange. Ich spürte noch, wie meine Synapsen zu glühen begannen … das nächste, woran ich mich erinnere, sind meine Schwester, meine Mama und ich, verzückt grinsend und bedingungslos Brautkleid-verfallen. Und so muss ich zugeben: auch ich habe mich dem übermächtigen Hype des Brautladens hemmungslos hingegeben.
Mein vor Betreten des Ladens noch bemitleidender Blick auf die euphorisch klatschenden und staunenden Frauen im Inneren das Ladens wich binnen Sekunden dem für Brautmodengeschäfte typischen, leicht debilen Blick eines Igels, der sich unsterlich in eine Toilettenbürste verliebt hat. Bringen wir es auf den Punkt: wir waren alle willenlos. Wir waren pailettengesteuerte, stickereisüchtige Zombies inmitten eines Berges aus weißem Tüll. Jeder noch so unnütze, völlig unbrauchbare Kram, den die Verkäuferin aus ihrer Schublade zog und meiner Schwester aufsetzte, umlegte oder ansteckte wurde mit jubilierender Begeisterung gefeiert; und jede kleinste angesteckte, umgelegte oder aufgesetzte Veränderung an meiner Schwester mit Tausenden von Funkelblicken überzogen, stets mit den immer selben Worten: "Er wird begeistert sein", "Das wird ihn umhauen", "Das macht sooo schlank", "Du siehst soooo hübsch aus" und natürlich einem ständigen "Ich will das auch haben". Selbst die superunbequeme und nicht besonders hübsche Corsage "für drunter" war plötzlich ein lebensnotwendiges Muss. Genau wie weiße Plateau-Schuhe, eine Stola und natürlich Schmuck. Wir BRAUCHTEN es. ALLES. Und je mehr etwas glitzerte, funkelte und glänzte, umso MEHR brauchten wir es.
Mit hochroten Wangen, vor Euphorie geschädigten Synapsen und dem immer noch total belämmerten Grinsen verließen wir das Brautgeschäft wieder. Der Sauerstoff, die wenig glitzernde Aspahlt-Straße, die Welt da draußen ohne Krönchen, Diademe und Strumpfbändern aus Tüll, der absolut notwendige Tonfall im Normalbereich sowie eine schlagartig mit Shopping-Ende stoppende Endorphin-Ausschüttung holten uns schnell wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Das Leben bestand doch nicht nur aus Schleifchen und Swarovski-Steinen. Eine ernüchternde Erkenntnis. Gepaart mit ein wenig Halsweh aufgrund der Quietscherei.
Meine Schwester hat übrigens ihr absolutes Traumkleid gefunden. Und das sage ich nicht nur, weil jedes Mal, wenn ich daran denke, meine Gehirnlappen nervös zu zittern beginnen und meine Zunge am Gaumen festklebt. Ich sage das im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte (und das sind bekanntlich jede Menge!). Sie sieht umwerfend, hinreißend und absolut bezaubernd (übrigens mein neues Lieblingswort) aus, aber eigentlich trifft es das hier am besten "Da helle Wahnsinn!". Ich bin stolz auf meine Kleine. Und weiß, dass Manu die Luft wegbleiben wird, wenn er sie so sieht.
Wir alle sollten jedoch froh sein, dass er uns NICHT beim Kleidaussuchen gesehen hat – das hätte sein Weltbild nicht nur in den Festen erschüttern, wahrscheinlich hätte es ihn außerdem auch ganz schön erschreckt und vielleicht ein bißchen geekelt. Aber, liebe Freunde, ich spreche da aus Erfahrung: auch das gehört zu einer Hochzeit dazu.
Willkommen in der Surrealität des Ehelebens.



Sau geiler Artikel! Weiter so Susal!
LG
BigJB
Ich freu mich so… mensch ist das schön,… und ich ,,, ja ich,,, darf die hochzeitsnägelchen machen–…hurrraaaaa…..
ganz liebe grüße da laß
bussi birgit